Neue Perspektiven für junge Frauen in Bangladesch

Ein Reisebericht von Holger Trechow

 

Schon früh am Morgen herrscht Stau auf den Straßen von Dhaka. Am Straßenrand sehe ich viele Menschen, die auf dem Boden schlafen, nur mit einer Pappe unter sich. Es ist heiß, die Abgase füllen die Luft, überall wird gehupt, gebremst, beschleunigt. Oft bewegen sich die Fahrzeuge minutenlang nicht vorwärts, nur einige Bettler sind dann in Bewegung, klopfen mit forderndem Blick an die Autoscheibe.

Wir treffen uns mit einer Gruppe junger Frauen in einem Park mitten im Zentrum von Dhaka. Sie wurden erst vor kurzem in die Girls Clubs von TARANGO aufgenommen. Heute ist ihr erstes Training in Selbstverteidigung, und alle tragen weiße Kampfsportanzüge. Die jungen Frauen sind zurückhaltend, sie folgen den Anweisungen für die ersten, einfachen Übungen. Noch ist nicht zu erahnen, was für eine große Wirkung dieses Training haben wird: es wird den jungen Frauen zu einem Selbstbewusstsein verhelfen, wie sie es sich kaum ausmalen können. Erstmals werden sie in der Lage sein, Belästigungen und Übergriffe abzuwehren und für sich selbst und ihre Freundinnen einzustehen.

 
 

In einer angemieteten Hütte im Slum kommen junge Frauen aus den Girls Clubs regelmäßig zusammen. Einige ältere Teilnehmerinnen zeigen uns, wie gut sie die Kampftechniken beherrschen. Für sie ist enorm wichtig, sich in der Enge des Slums schützen zu können. Später erleben wir diese Teilnehmerinnen beim Englisch-Unterricht. Die ehrenamtliche Lehrerin heißt Nicoletta. Schnell merke ich, wie eng die Beziehung zu ihren Schülerinnen ist. Spannend wird es bei der Frage, welche Berufe sie sich vorstellen können. Neben den üblichen Antworten wie Schneiderin oder Bürokraft überrascht mich, dass einige Fahrerin werden möchten. Bei dem chaotischen Verkehr in Dhaka halte ich das für gefährlich. Zudem ist dieser Beruf eine Männerdomäne. Es beeindruckt mich, wie mutig diese jungen Frauen sind – noch vor Monaten waren sie schüchtern und gingen mit gesenktem Kopf. Nun stehen sie aufrecht, lächeln, sprechen frei und haben klare Ziele. Es ist fast ein kleines Wunder, wie sehr die Girls Clubs sie in ihrer Entwicklung unterstützen und zum Beispiel auch Frühverheiratungen entgegenwirken. Das Projekt bezieht die Eltern mit ein, damit sie ihre Töchter dabei unterstützen.

 

Ein anderes Beispiel für selbstbewusste junge Frauen habe ich am letzten Tag der Projektreise in Sonargaon erlebt. Wir haben dort die Mutter-Kind-Klinik besucht. Im gleichen Gebäude befindet sich die Augenklinik. Der Betrieb läuft reibungslos, beide Kliniken sind sehr gut ausgestattet. Die Zahl der Patientinnen und Patienten steigt stetig an. So ist die finanzielle Situation auch auf längere Sicht stabil. Wie geplant werden beide Kliniken in absehbarer Zeit kostendeckend arbeiten! Die medizinische Grundversorgung der armen Bevölkerung ist damit dauerhaft gesichert

Allerdings gab es große Veränderungen. Seit Januar finden hier zwei Ausbildungskurse mit je 35 Krankenschwesternschülerinnen statt. Weil in Bangladesch über 200.000 Krankenschwestern fehlen, hatte BACE seit längerem geplant, dafür in direkter Nachbarschaft zu den beiden Kliniken ein Ausbildungszentrum aufzubauen. Einige Krankenschwestern werden nach ihrer Ausbildung in der Mutter-Kind-Klinik bleiben.

Die Stimmung unter den Auszubildenden ist sehr gut. Sie machen das medizinische Zentrum, das BACE hier aufbaut, zu einem noch lebendigeren Ort. Sie sind aus Dhaka gekommen, wo ihre Ausbildung begonnen hatte, und sind glücklich über den Wechsel. Sie mögen die Ruhe hier und sind günstig untergebracht.

BACE startet im Juli einen neuen dreijährigen Kurs. Für eine gute Ausbildung sind noch Investitionen in die Ausstattung, die Bibliothek sowie in ausreichende Übernachtungsmöglichkeiten nötig. Deren Finanzierung ist noch offen. Zudem sollen Stipendien jungen Frauen aus armen Familien mit gutem Schulabschluss diese Ausbildung ermöglichen, denn die Gebühren für die Ausbildung wären für sie nicht zu stemmen. Diese Ausbildung ist also nicht nur wichtig für die medizinische Versorgung gerade der armen Bevölkerung, sondern bietet einen Weg aus der Armut. Denn mit dem Gehalt einer Krankenschwester kann eine ganze Familie die Armut hinter sich lassen.

Holger Trechow
 

„Der Mut zu jedem Neubeginn wächst aus den Samenkörnern der Hoffnung.“

(Jakob Tornay)

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